Johnny

Der Apfel – eine Versuchung » Johnny – Apfelwein oder Cidre

Johnny, ein reicher Erbe, der nichts weiter möchte als ein wertvolles Erbstück zu verkaufen. Oder......?
Eine Geschichte über Schein und Sein: Apfelwein oder Cidre.

Johnny steht vor dem Spiegel.
Normalerweise ist er dort nicht allzu häufig anzufinden, aber heute ist er Jonathan, der Franzose, und dazu gehört nun mal ein makelloses Äußeres.
Apropos: Das Ergebnis ist schon ziemlich ansehnlich. Er zupft nur noch seinen schwarzen Schnurrbart etwas zurecht, dann ist er zufrieden mit seinem Aussehen.
Dieser Teil seines Jobs ist der, der ihm am meisten zuwider ist. Abgesehen davon liebt er seinen Job, so ziemlich jede Facette davon, aber dieses Zurechtmachen stört ihn massiv. Er weiß wesentlich Sinnvolleres mit seiner Zeit anzufangen. Einen neuen Auftrag vorzubereiten, zum Beispiel. Doch erst einmal muss Johnny den letzten Auftrag abschließen.
Es ist ja nicht einmal der Abschluss, der ihm so zuwider ist. Johnny liebt die Verhandlungen, liebt das Schauspiel. Aber dafür muss er makellos aussehen und das nervt.
Okay, egal, für heute hat er es ja hinter sich gebracht und der angenehme Teil des Tages kann beginnen. Ein letzter Blick in den Spiegel - ja, das passt, er ist jetzt der schnieke Franzose Jonathan, keine Frage -, dann macht er sich auf den Weg durch sein neues Domizil. Auch hier muss er überprüfen, ob alles repräsentabel ist.
Diese Aufgabe ist wesentlich einfacher. Das Châlet ist brandneu, er kam noch gar nicht dazu, sein übliches Chaos zu verbreiten. Noch sind all seine Besitztümer ordentlich aufgeräumt.
Nichtsdestotrotz macht er seinen Rundgang. Durch den langen Gang in die Küche, die noch komplett unbenutzt ist, dann ins Esszimmer mit der riesigen Speisetafel. Im Normalfall braucht er beides nicht - seit er hier wohnt, hat er es sich zu den Essenszeiten immer mit einem Baguette auf der Terrasse mit dem traumhaften Blick über die Apfelhaine bequem gemacht. Aber für solche Anlässe wie heute sind die beiden Räume perfekt.
Hoffentlich zieht sich die Verhandlung heute nicht allzu lange. Johnny hat nur Kaffee und Kuchen eingeplant - Kaffee kann er gerade noch selbst kochen und das Gebäck hat er in der nächsten Pâtisserie besorgt. Sollten seine Gäste bis zum Abendessen bleiben und dann ebenfalls eine Verköstigung erwarten, muss er improvisieren.
Nach diesen Zwischenstopps und dem kurzen Weg zur Eingangstüre führen ihn seine Schritte zur Terrasse. Diesen Ort werden seine Gäste nicht zu Gesicht bekommen, ihren Laufweg ist er bereits abgegangen. Nein, das gehört nicht mehr zu seinem Kontrollgang. Hier, auf der Terrasse, kann Johnny noch einmal zur Ruhe kommen. Der Blick auf die blühenden Apfelbäume gibt ihm Kraft.
Und er zeigt ihm, wofür er das alles tut. Dieser Ausblick ist der Lohn für seine Arbeit.
Dann reißt ihn ein helles Klingeln aus seinen Gedanken. Johnny strafft seinen Rücken, er grinst.
Es ist soweit. Seine Gäste sind da. Das Schauspiel kann beginnen.
Johnny steht wieder vor dem Spiegel.
Seit dem letzten Mal sind einige Stunden vergangen - und eine erfolgreiche Verhandlung. Sein Spiegelbild sieht ihn erschöpft an, erschöpft, aber glücklich.
Es war einfach, so einfach. Seine heutigen Kunden waren schon begeistert, als er sie in Empfang genommen hat. Die Auffahrt zu seinem Châlet hat einen guten Eindruck gemacht.
So unglaublich einfach. Das Châlet gehört wirklich ihm, es repräsentiert wirklich ihn.
Der Rest war ein Kinderspiel. Johnny hat das gutgläubige Ehepaar in sein Esszimmer geführt. Dabei konnten die inneren Reize des Châlets auf die beiden wirken und das haben sie wohl ziemlich erfolgreich getan. Dann, nach ein paar Stück Kuchen, hat er das Bild, wegen dem die zwei da waren, vor ihnen auf dem Tisch ausgerollt.
Bis hierher war alles echt. Gut, sein französischer Akzent während der Plauderei bei Kaffee und Kuchen nicht unbedingt, aber was ist bei Small Talk schon echt?
Seine bisherige Vorstellung hat seine Käufer so sehr beeindruckt, dass sie keine weiteren Fragen hatten. Sie haben das Kunstwerk unter die Lupe genommen, festgestellt, dass es das Original ist und das hat ihnen gereicht. Vor und während den darauffolgenden Verhandlungen über den Preis hat Johnny noch ein paar Gläser Cidre gereicht - damit haben sie auch auf die Einigung angestoßen. Er hat sich als großzügiger Händler gezeigt, der den beiden ihre Preisvorstellungen durchgehen ließ.
"Cidre, ha! Eher der gudde aldde Äbbelwoi!"
Johnny reißt sich den falschen Schnurrbart herunter, bevor er einen Schluck aus dem Glas, das er sich mitgebracht hat, nimmt. Darin befindet sich nicht - so wie vorgegaukelt - Cidre. Johnny hat in seinem ganzen Leben noch keinen Cidre getrunken, das wäre für ihn ein Verrat an seinem geliebten Apfelwein.
Dann stellt er das Glas wieder ab, fährt sich durch die Haare und sieht sich im Spiegel an.
Der Mann dort ist nun nicht mehr Jonathan, der reiche französische Erbe, der eines seiner Erbstücke verkaufen wollte. Jetzt ist er wieder, wer er eigentlich ist.
Jonathan, genannt Johnny. Kunstdieb aus Hessen, der gerade eben ein weiteres Kunstwerk, das er aus einer privaten Sammlung entwendet hat, verkauft hat.
Ein sehr zufriedener Kunstdieb.

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Victoria

 

 

 

 

 

 

 

 

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